Warum sich viele Fotografen fürchten, wenn es blitzt

Der Blitz scheint wie ein großes, beängstigendes Monster für die meisten Fotografen, insbesondere für Einsteiger. Für viele ist dieses Thema noch frustierender als die Steuererklärung, der Besuch beim Zahnarzt oder die Diskussionen mit der Liebsten mit dem Titel “es ist ein Wahnsinn wie viel du für dein Foto-Spielzeug ausgibst”.

Mit einem großen Unterschied – diesen Unannehmlichkeiten kann man sich schwer bis garnicht entziehen, vor dem Blitz kann man einfach die Augen verschließen und das Thema ignorieren. Aber, kann man das wirklich? Es kann verwirrend sein, kaum hast du endlich das Belichtungsdreieck verstanden, kannst mit ISO, Belichtungszeit und Blende ordentlich umgehen, wirfst nicht mehr ständig die Nerven weg, weil du einfach nicht weißt, warum das Foto schon wieder ganz anders geworden ist, als du es eigentlich geplant hast, da kommt das nächste Teil, der Blitz und macht die Sache noch komplizierter.

Es ist nur logisch, dass an diesem Punkt enorm viele einfach das Handtuch werfen und dann mit den Worten “ich mag natürliches Licht viel lieber” rechtfertigen, warum sie niemals Blitze verwenden.

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Das natürliche Licht war längst weg, ohne Blitz hätten wir abgebrochen, statt dieses Portrait zu machen.

 

Aber ob wir wollen oder nicht, es ist ein sehr wichtiges Thema und ein absolut notwendiger Bereich in der Fotografie. Es ist nämlich nichts weiter als Licht! Und Fotografie arbeitet zu 100% mit Licht. Mit einem Blitz hast du die Möglichkeit, natürliches, weiches, hartes, warmes, kaltes,… Licht selbst zu gestalten! Du erweiterst deine Möglichkeiten ein Bild zu gestalten ungemein und bist nicht mehr abhängig davon, dass “es grad so paßt wie ich es brauche”. Ehrlich, wir alle wollen schönes, natürliches Licht.

Nichts schlägt tiefstehende Sonne an einer schönen Location, wenn wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Aber das ist nun mal nicht immer der Fall, es spricht also rein garnichts dagegen, ein kleines Tool in der Tasche zu haben, mit dem wir Licht so gestalten können, wie wir das möchten.

Es spricht aber vieles dagegen, vor diesem Thema davonzulaufen, weil es kompliziert werden könnte.

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Nicht immer sieht man einem Foto auf den ersten Blick an, dass geblitzt wurde.

 

Also wenn du auch zu denen gehörst, die stolz erzählen “ich bin Available Light Fotograf”, dann ist der erste Schritt jetzt: Sei ehrlich zu dir selbst, hör auf dich zu belügen. Ich darf das sagen, ich war nämlich mal genau gleich.

Ich kann mich jetzt noch hören, wie ich vor langer, langer Zeit die Frage, ob ich auch mit Blitz arbeite, ernsthaft mit den Worten “nein, ich mags eher natürlich, Blitzen schaut immer so künstlich aus” beantwortet habe. Ich laufe jedes mal rot an, wenn ich nur daran denke, dass ich auch mal so war ;-)

Ich hab diesen Frust selbst durchlebt. Mein erster Blitz hatte genau 3 Chancen, dann hab ich ihn “vorerst mal beiseite gelegt“. Dieses “Vorerst” hat mal gute 3 Jahre gedauert. Immerhin hab ich ja nicht beruflich fotografiert, konnte mir also egal sein, ob ich das teure Gerät benutze oder einfach nur anschaue. (Wobei, auch das hab ich gelassen, wäre fürs Gewissen nicht gut gewesen zu sehen, wie er unbenutzt in der Ecke liegt. Also verschwand der Blitz in einer Lade).

Jeder Versuch den ich mit einem Blitz unternommen habe endete mit Frust und genervtem “so ein Schmarrn, brauch ich nicht, ich mag natürliches Licht eh viel lieber”. Bis mich eines Tages diese Worte getroffen haben:

 

“Der einzige Grund, warum du dich vor Blitz fürchtest, ist weil du dich vor Blitz fürchtest”.

 

Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Es gibt tatsächlich keinen anderen (logischen) Grund, warum man als Fotograf nicht mit Blitzlicht arbeiten wollen würde. Sobald du verstanden hast, dass Licht und Blitze kein Monster sind, das du bekämpfen und beherrschen mußt, sondern ein guter Freund, der dir einfach nur hilft das Beste aus deiner Fotografie zu holen, wirst du dich wundern, wie du jemals ohne leben konntest.

(Ok, reine Landschaftsfotografen können sich hier ausnehmen, wobei selbst da gut eingesetzter Blitz hervorragende Dienste leisten kann ;-))

Und dann kannst du dich dran machen, die Grundlagen zu lernen, zu verstehen, zu üben und umzusetzen!

Gegenlicht und Beautydish von vorne

 

Solltest du hier immer noch lesen, dann weißt du selbst, dass du unter Blitzangst leidest, ich muss dir das also nicht mehr erklären. Also kommen wir zum wichtigeren Teil – was kannst du dagegen unternehmen, wie kannst du diese Blitzangst in den Griff kriegen. Das ist die Kurzfassung meiner Erfahrungen und wie ich es für mich geschafft habe:

 

“Blitz ist kein Monster, das du bekämpfen mußt. Es ist nur Licht und Licht ist dein bester Freund!”

 

Such dir einen Mentor

Zuerst, finde einen Fotografen dem du bei diesem Thema vertraust. Es gibt zahlreiche Fotografen mit interessanten Blogs, Büchern, DVD´s usw.. Ich hab zum Beispiel vor vielen Jahren viel von Chase Jarvis, Zack Arias, Vincent Laforet, usw gelernt.

Kurz – du mußt einfach kurz zurück auf die Schulbank, da führt kein Weg dran vorbei. Und lass dich ja nicht in dieses Mindset ziehen das dir dauernd sagt “shit, Schule, wie mühsam“, sondern stürtz dich von Anfang an mit der richtigen Einstellung rein – “Jawohl, Schule, wenn ich da rauskomme kann ich neue Sachen die ich immer schon können wollte und meine Fotos werden aufs nächste Level gehoben“.

Für mich war der erste Hebel Joe Mc Nally. Ein Fotograf der Licht seit 20 Jahren versteht und im Griff hat. Mein erstes Buch von ihm war “The Moment It Clicks“, dessen deutsche Ausgabe ich bis heute noch in meinem Onlinekurs auf Shootcamp.at empfehle.

Ich hab das Buch in einer Nacht durchgelesen und dann gleich “The Hot Shoe Diaries” gelesen. Damit hat für mich der Weg begonnen, ich hab für mich eine Entscheidung getroffen, die du für dich auch treffen solltest:

 

“Ich will Blitze verstehen und damit umgehen können, damit ich endlich völlig frei von den Gegebenheiten meine Bilder gestalten und umsetzen kann!”

 

Das hat wirklich Alles verändert. Ich hab das ganze Internet nach diesem Thema durchforstet, bin zu Workshops gegangen, hab alles was es zu Blitzen auf dieser Welt gibt vermutlich 3 mal gelesen, gehört oder gesehen. Ich konnte nicht glauben, wie viel es dazu gibt und wie kompliziert dieses Thema werden kann. Und dann, eines Tages, wußte ich anscheinend genug um den nächsten Schritt zu spüren.

Erst nachdem ich mir das Thema Licht und Blitze bis in die mathematischen Details inklusive des reziproken Quadratgesetzes einverleibt hatte (und ich hab Mathematik wirklich noch nie gemocht) kam plötzlich die “Erleuchtung”. Die kam ganz automatisch, sozusagen über Nacht. Die Feststellung: “Es ist so viel einfacher als ich dachte”.

Genau das passiert bei jeder Lernkurve. Anfangs scheint alles undurchschaubar, kompliziert,… wenn man es erst mal beherrscht, fühlt es sich an, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Ich hab (in einem früheren Leben) 13 Jahre lang im Radio moderiert.

Nie vergesse ich meine ersten Sendungen, ein Mikrofon hinter dem knapp 3 Millionen Menschen zuhören. Angstschweiß. Und keine Ahnung, was ich da eigentlich tue. Am Ende der 13 Jahre war es Routine und mein Zuhause. Genau wie die Fotografie.

Und eben weil ich beim Radio gelernt habe, wie ich komplizierte Dinge in kurzer Zeit und möglichst einfachen Worten verständlich machen kann, hab ich angefangen auch anderen Fotografen das Blitzen näherzubringen.

Wer lehrt lernt doppelt sagt man. Vermutlich hat mir also auch das Weitergeben dieses gesammelten Wissens geholfen, das Thema noch besser zu verinnerlichen. Dieser Weg hat mich schon 2014 auf die Bühne von Canon bei der Photokina gebracht, wo ich für Canon einen Workshop “Simple Speedlite” halten durfte:

 

 

Nach einem Vortrag wie diesem in Birmingham ist letztes Jahr Kollege Clive Booth zu mir gekommen, ein fantastischer Fotograf, der das Thema Blitz bis dato gemieden hat und meinte, er kauft sich jetzt auf der Stelle ein paar Blitze und legt los, weil dieses Gespenst plötzlich bezwingbar wirkt. Klar, alles lesen, schauen und hören der Welt bringt wenig, wenn du das Gelernte nicht auch übst und umsetzt.

Das ist beim Lernen der zweite wichtige Punkt. Der Erste ist, dass dir jemand didaktisch gut aufbereitet erklären kann, was du nicht verstehst. Der Zweite ist definitiv, dass du nach dem ersten “Aha Erlebnis” das Gelernte auch umsetzt und übst.

Dadurch manifestiert sich dieses Wissen durch Erfahrungen und du erreichst früher als du denkst diesen “das ist so einfach, warum hab ich das früher nicht beherrscht“-Moment.

Bereite dich darauf vor, zu scheitern.

Grad beim Blitzen steht ausser Frage, dass du zu Beginn auch scheitern wirst. Es wird nicht so laufen, wie du dir das vorgestellt hast. Du wirst Fehler machen. Aber wenn du dir die Zeit nimmst sie zu analysieren, das was du gelernt hast Schritt für Schritt nochmal durchzudenken, dann wirst du bald feststellen wo der Fehler zu suchen war. Und allein damit schon beim nächsten Anlauf einen Schritt besser sein.

Fehler gehören zum Lernen einfach dazu.

Du machst keinen Fehler wenn etwas falsch läuft, du hast nur eine Möglichkeit gefunden, die nicht funktioniert. 

 

Nimm den Blitz von der Kamera!

Für mich gibt es nur sehr sehr wenige Situationen, in denen ein Blitz auf einer Kamera wirklich Sinn macht. Sehr wenige. Kaum welche ;-) Dafür brauchst du ein klein wenig Equipment. Welches Setup du verwendest hängt davon ab, was genau du eigentlich machen möchtest und hier geben viele schon viel zu früh auf.

Softbox? Schirm? Beatuy Dish? Kabellose Auslöser oder doch mit Kabel?… zu viel Auswahl, zu viel Ratlosigkeit, ach was, sagte ich nicht, ich find natürliches Licht sowieso viel schöner …. Klappe, durchhalten, weitermachen ;-)

 

Mein erstes Kabelloses Setup bestand aus einem Canon 580EXII, Profoto wireless trigger (ohne TTL), Manfrotto Lichtstativ, Lastolite 90cm Schirm (Silber mit diffuser) und einem Schirmneiger um den Blitz auch dort hinzeigen zu lassen, wo ich das gern möchte. Das ist durchaus ein Leistbares erstes Setup mit dem man sehr lang durchkommen kann.

Mein Assistent arbeitet seit 2 Jahren mit so einem Setup und holt ungemein viel raus damit! Wenn ich unterwegs bin, packe ich genau so ein Setup ein, weil es leicht und trotzdem sehr effektiv ist.

Wie gesagt, es geht nur darum, Licht selbst gestalten zu können. Und so wie die beste Kamera der Welt keine besseren Fotos macht ohne jemandem, der damit arbeitet und gestaltet, so hilft auch hier die beste Technik nichts.

Es geht einfach darum zu Wissen, wie sich Licht verhält und wie man es formen und beeinflussen kann.

 

Meine allererste Empfehlung mit diesem Setup – schnapp dir Freunde, die dir ihre Zeit opfern und die du quälen darfst. Bitte, bitte übe nicht an Menschen, die dir Geld dafür geben oder die in irgend einer Weise eine Erwartung an das Ergebnis stellen.

Du wirst nämlich versagen, wenn du unter Druck stehst. Garantiert. Und auch für dich herrscht wesentlich mehr Ruhe und Gelegenheit zu verstehen was funktioniert und was nicht, wenn du weißt, dass niemand etwas von dir erwartet.

Noch besser – besorg dir auf Ebay eine Büste oder eine billige Schaufensterpuppe und übe mit dieser. Die hat Geduld ohne Ende ;-) Deshalb haben wir im Studio eine Schaufensterpuppe für Trainings stehen.

Arbeite (anfangs) manuell!

Vergiss fürs erste sämtliche TTL Optionen, sowohl in der Kamera als auch auf dem Blitz. Manuell hilft dir schneller zu begreifen, was du tun sollst und was nicht. Wenn du alles Manuell beherrscht, wird es recht einfach sein, auf TTL umzusteigen. Umgekehrt ist fast unmöglich.

Und dann hab einfach Spaß! Kein Druck, kein Frust, kein Ärger, hab einfach Spaß beim Üben. Du wirst sehen, der erste Moment wenn dir ein geblitztes Foto richtig gut gelingt fühlt sich unglaublich an. Ich glaube ich dachte mir damals “wow, das sieht aus wie von einem Fotografen, hab ich das echt gemacht?” :)

Es bringt deine Fotografie einfach aufs nächste Level und somit auch deine Freude daran.

 

Das Wichtigste ist einfach, dass du dich damit abfindest – Blitze, insbesondere die kleinen mit den vielen Knöpfen, sind Arschgeigen. Zu viele Funktionen, Knöpfe, Einstellungen… Aber in Wahrheit, am Ende des Tages, sind sie nur teure Taschenlampen, die ein mal sehr kurz und intensiv leuchten können. Vielleicht brauchst du zum ersten mal in deinem Leben als Fotograf eine … wie war das Wort … Gebrauchsanleitung!

Aber lass dich nie verwirren. Wie eine Taschenlampe: Ein / Aus. Alles andere ist Spielerei die nicht sein muss, nur kann!

 

Lass dich nicht verarschen, niemand kauft eine Kamera und einen Blitz, geht bei der Tür raus und wird Weltklassefotograf. Nur weil man an jeder Ecke eine Kamera kaufen kann, ist nicht gleich jeder ein Spitzenfotograf.

(Es gibt ja auch schon lange Küchen die leistbar sind, aber nicht nur Haubenköche auf der Welt).

Und wenn es dir dann endlich gelingt, du es drauf hast und jemand sagt zu dir “deine Kamera macht tolle Fotos“, kannst du reinen Gewissens antworten “da müßtest du erst mal meinen Herd kochen sehn“. Kann etwas dauern, aber am Ende versteht es dann doch jeder ;-)

 

Wenn du Lust hast, Blitze von grundauf zu verstehen und eine Abkürzung zu gehen – Ich arbeite zur Zeit an einem eigenen Onlinekurs zum Blitzen. Die gesamte Thematik von grundauf durchleuchtet (unabsichtliches Wortspiel, ich schwöre ;)) hier gehen wir wirklich jeden Punkt durch, wie sich Blende, Belichtungszeit, Distanz, Blitzleistung usw auswirken, wie du sie für dich nutzen kannst und wo die Grenzen sind.

So schaffen wir eine anständige Grundlage mit der du das “Monster Blitz” endlich zu dem machst, was es sein soll – ein weiteres Werkzeug um deine Fotos auf das nächste Level zu heben. Ganz einfach.

Wenn du Lust hast, trag dich hier unverbindlich ein und ich informiere dich rechtzeitig, sobald der Kurs startet.

Übrigens, alle Fotos in diesem Artikel wurden mit 1-2 kleinen Blitzen, kabellosem Auslöser, einem Schirm und/oder einer Lastolite Softbox 60x60cm gemacht.

 

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