Über Analoge Fotografie im digitalen Zeitalter gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen und Diskussionen. Zwischen „warum soll ich mir das noch antun“ bis „digital gilt garnicht“ gibts da fast alle Facetten.
Ich war immer schon ein Fan von analoger Fotografie, habe auch in den 80er Jahren noch mit einer eigenen Dunkelkammer und Schwarz/Weiß Filmen mit der Fotografie begonnen.
Auch heute verwende ich noch analoge Kameras und Filme und empfehle meinen Workshopteilnehmern nach wie vor, sich eine analoge Kamera anzuschaffen. Analog ist nicht nur schön, es bringt einen zurück zur eigentlichen Fotografie und entschleunigt. Seit Monaten nehme ich mir vor, zum Thema Film einen Artikel zu schreiben.
Ich überlasse das aber in dem Fall mit großer Freude Matthias Hombauer und Karl Blümel, die echte Experten auf dem Gebiet sind.
Matthias ist Doktor der molekularen Biologie, Karl Doktor der Medizin, beide haben ihre Jobs an den Nagel gehängt für die Fotografie und beschäftigen sich seit 10 Jahren mit analoger Fotografie. Es freut mich sehr, diesen Gastartikel von 2 Gleichgesinnten zu präsentieren:
Wir sind Matthias Hombauer und Karl Blümel, 2 professionelle Portrait-Fotografen und wir haben unser Projekt „Analog Docs„ ins Leben gerufen, da wir analoge Fotografie lieben. In diesem Beitrag möchten wir euch zeigen, warum viele Profifotografen noch immer auf Film vertrauen und euch die Vorteile und Nachteile der analogen Fotografie näherbringen.
1. Der „Look“
Film hat einen bestimmten „Look“. Film Fotografen werden euch sagen, wie sehr sie diesen speziellen „Look“ lieben. Wir würden das damit vergleichen, dass auch Musikliebhaber den Sound von Vinyl der einer CD bevorzugen. Viele der digitalen Fotografen versuchen diesen „Look“ mithilfe von Lightroom und Photoshop plugins zu imitieren – scheitern aber dennoch daran. Film hat eine unglaublichen Farbraum und einen Dynamikumfang sowohl in Höhen wie auch Schatten, der seinesgleichen sucht. Also warum imitieren, wenn ihr gleich analog fotografieren könnt?
2. Analoge Fotografie macht dich zu einem besseren Fotografen, versprochen!
Wenn du mit analogen Kameras fotografierst lernst du die wahre Kunst des Fotografierens. Du musst die Einstellungen deiner Kamera wissen, manuell fokussieren und den Bildausschnitt in der Kamera festlegen. Die analoge Kamera „entschleunigt“ dich.
Jedes Bild auf deinem Film kostet Geld, daher überlege gut, wenn du den Auslöser nach unten drückst. Einige unserer Kameras sind voll mechanisch, d.h. du musst einen externen Lichtmesser verwenden um die richtigen Belichtungseinstellungen zu finden.
Zu Beginn mag das etwas mühsam erscheinen, aber wenn du die Grundkenntnisse der analogen Fotografie erlernt hast, wirst du deine Fotos im Gegensatz zur digitalen Fotografie viel mehr zu schätzen wissen.
Contax 645, Kodak PORTRA 400, f 2.0, +2stops, 80mm Objektiv
3. Analoge Fotos sind großartig auch ohne Nachbearbeitung am Computer
Ein großer Vorteil von analoger Fotografie ist der Wegfall der Nachbearbeitungszeit am Computer. Du kennst das bestimmt. Du kommst von einem Fotoshooting nach hause und ladest deine hunderte von Fotos auf den Computer um diese zu bearbeiten. Das kostet Zeit und ist meist nicht die Arbeit die man als Fotograf gerne macht. Mit analoger Fotografie konzentrierst du dich viel mehr auf das eigentliche Fotografieren und du wirst sehen, dass deine Fotos weniger in der Anzahl aber daher qualitativ hochwertiger werden. Wir haben unsere gesamte Nachbearbeitung in ein Filmlabor ausgelagert. Nachdem das Filmlabor unsere Fotos entwickelt und eingescannt hat, bekommen wir die digitalen Files zugeschickt und erhalten unser gewünschtes Endresultat. Somit bleibt mehr Zeit für die Dinge die du wirklich liebst, nämlich Fotografieren und nicht retuschieren.
4. Filmkameras sind günstig (kann sich aber bald ändern)
Vor 20 Jahren war eine professionelle analoge Mittelformat Kamera wie eine Hasselblad oder Contax nur für sehr wenige Leute erschwinglich. Heutzutage kann nahezu jeder die Vorteile diese Kameras nutzen, da diese am Gebrauchtmarkt für einige 100 Euros zu bekommen sind. 35mm Kameras wie z.b. Nikon F100 oder Canon EOS3 werden zu Spottpreisen auf ebay verkauft.
Der Analoge Boom zeigt aber auch, dass einige Kameras wieder „in“ sind und somit der Preis in die Höhe schnellt z.B. Contax 645. Schaut selbst auf ebay und macht erste Erfahrungen mit einer analogen Kamera.
Contax 645, Kodak PORTRA 400, f 2.0, +2stops, 80mm Objektiv
5. Tiefenschärfe
BOKEH (japanisch für unscharf) ist das Merkmal auf das Portraitfotografen schauen. Je kleiner die Blendenzahl (f1.2, f1.4, f1.8) desto mehr verschwimmt der Hintergrund. So sind z.B. nur die Augen des Models im Fokus welches den professionellen „Look“ von Portraits abbildet. Das BOKEH sieht bei Mittelformatkameras umso viel besser aus als bei digitalen Kameras. Deshalb verwenden wir ausschließlich Mittelformatkameras mit Objektiven, welche eine kleine Blendenzahl besitzen.
6. Film und Mischlicht? Kein Problem!
Du hast sicher schon mal versucht in einem Raum zu fotografieren in dem Umgebungslicht und Kunstlicht vorkam. Mit der Digitalkamera hat man immer wieder Probleme mit Mischlicht, da die Farbtemperaturen unterschiedlich sind. Film hingegen, kann diese schwierigen Situationen sehr gut meistern und ergibt ein natürlich wirkendes Fotos ohne Farbstich.
7. Analoge Fotografie hebt dich von anderen ab
Es gibt abertausende von Digitalfotografen, sei es dein Onkel, deine Schwester oder dein Nachbar. Jeder scheint heutzutage eine Kamera zu besitzen und alle Fotos haben mehr oder weniger den gleichen „Look“. Wenn du dich von der Masse abheben möchtest, dann schnapp dir eine analoge Kamera und beginne mit ihr zu fotografieren. Du wirst überrascht sein wieviele Leute dich auf der Strasse ansprechen. Und das Beste daran, deine Fotos werden von Beginn an anders aussehen, als die von denjenigen, die Film mit ihrer digitalen Kamera kopieren wollen.
Contax 645, Kodak PORTRA 400, f 2.0, +2stops, 80mm Objektiv
Vorteile von Film Fotografie
- Der „Look“
- Du wirst durch Film ein besserer Fotograf
- Film wird dir Zeit sparen
- Filmkameras sind günstig
- Traumhafte Tiefenschärfe
- Film wird dich von anderen Fotografen abheben
Nachteil von Filmfotografie
- Alte, gebrauchte Kameras, eventuell kein Service mehr möglich
- Teuer, wenn man nicht genau weiß, wie man analog fotografiert
- Erfordert mehr Lernbereitschaft
Für uns als professionelle Fotografen ist die analoge Fotografie noch immer der Weg, den wir mit unserer Arbeit gehen möchten. Wir wollen die beste Qualität abliefern und das gelingt uns am besten mit Film.
FILM EMPFEHLUNGEN
Film ist absolut nicht tot. Ganz im Gegenteil. Vor einiger Zeit hat KODAK seine Filme neu überarbeitet.
PORTRA 400 ist der Film mit dem größten Belichtungsspielraum. Man kann ihn bis zu 3 Blenden unter- und bis zu 6 Blenden überbelichten. Ohne Scherz!
Möglich durch die neue Vision 3 Technologie, welche man sich auch bei Aufnahme von Spielfilmen (motion picture films) zunutze macht. Dadurch steht weniger die korrekte Belichtung als die Komposition des Bildes im Vordergrund! Wir würden ihn als „to go“-Film empfehlen. Legt ihn ein, wenn ihr das erste Mal mit Film shootet oder schon lange keinen mehr in eurer Kamera gehabt habt. Seine Farbpalette, Sättigung und Kontrast sind zum Niederknien! Allerdings nur, wenn ihr ihn überbelichtet! Wenn ihr den PORTRA 400 unterbelichtet, achtet darauf, dass die bildrelevanten Anteile (z.B. das Gesicht beleuchtet ist). PORTRA 800 ist in Wirklichkeit kein echter 800er Film, soll heißen, ihr müsst ihn mindestens 2 Blenden überbelichten! Wir setzen ihn gerne an sonnigen Tagen ein. Weiters für rothaarige Models mit heller Haut.
Ein weiterer Farbnegativfilm, denn wir gerne verwenden ist FUJI PRO 400H. Bekannt für seinen pastellig, cremigen Look! Der Film für Hellhäutige oder Babies… 🙂 Wie belichten ihn mit +2stops.
BELICHTUNGSMESSER
Wir verwenden immer einen externen Belichtungsmesser! Messen die Szenerie einmal ein und können ohne Sorgen losschießen. Selbst wenn man sich ums Model herumbewegt. So lange sich an der Lichtsituation nichts ändert erfolgt keine neue Messung. Somit ist man viel intensiver bei der Sache, kann sich auf den Bildschnitt, die Bildsprache, aufs Posing viel besser konzentrieren. Film einlegen (ISO/ASA bleibt pro Rolle ident), Blende wählen (wir fotografieren immer offenblendig!), Belichtungszeit mit Belichtungsmesser bestimmen und fertig. Das ist die Leichtigkeit des Films, die wir so zu schätzen wissen.
Unterhalb der Fotos Infos zu den Einstellungen. Falls du dich fragst, warum wir das wissen, die Contax „schreibt“ Blende und Verschlusszeit gleich auf die Neagtive. Coole Sache! 🙂
Contax 645, Kodak PORTRA 800, f 2.0, +3stops, 80mm Objektiv
Die letzte Frage die ihr euch stellen solltet lautet: Wofür möchte ich meine Kamera verwenden? Wenn ihr Pressefotograf seid, dann ist analog wohl nicht die beste Wahl, da ihr die Fotos schnell abliefern müsst und keine Zeit für die Entwicklung bleibt. Aber wenn ihr in euren Projekten Portraits, Landschaften oder Architektur fotografiert und gewillt seid zu Beginn ein wenig mehr Energie zu investieren, dann solltet ihr Film auf jeden Fall eine Chance geben. Ihr werdet begeistert sein!
Contax 645, Fuji Pro 400H, f 2.0, +3stops, 80mm Objektiv
DER ONLINEKURS
Du möchtest besser fotografieren, weißt aber nicht so recht wo du beginnen sollst? Oder du fotografierst schon länger, hast aber das Gefühl ein wenig auf der Stelle zu treten? Auf Shootcamp.at habe ich über einige Monate hinweg den Onlinekurs produziert, den ich mir gewünscht hätte, als ich begonnen habe zu fotografieren. Für mehr Infos, klicke hier









