Wie die Kameraindustrie die Seele der Fotografie verlor
Neun Jahre lang war ich Canon-Ambassador. Ich durfte Kameras testen, bevor sie auf den Markt kamen. Die ersten Jahre waren großartig – echte Innovation, spürbare Fortschritte.
Dann kam der Wendepunkt.
Die Verbesserungen wurden kleiner. Ein bisschen schnellerer Autofokus. Ein paar mehr Bilder pro Sekunde. Ein bisschen mehr von allem. Und plötzlich war sie wieder da: die Megapixel-Diskussion.
Wir hatten das Thema längst für beendet erklärt. Wir wussten, dass 18 bis 25 Megapixel für über 90 Prozent aller Fotos völlig ausreichend sind. Selbst für 16-Bogen-Plakate. Aber die Industrie brauchte neue Verkaufsargumente.
Spätestens da wurde mir klar: Alle Kameras sind längst gut genug. Aber die Industrie muss immer weiter, schneller, höher entwickeln, um die Verkaufszahlen nach oben zu bringen.
Der Datenblätterkrieg, den niemand gewinnen kann
Canon hat von allen Herstellern am längsten widerstanden. Sie sagten immer: Datenblätter machen keine besseren Fotos. Wir wollen Kameras bauen, die deine Arbeit unterstützen und die Ergebnisse so gut wie möglich machen.
Aber irgendwann mussten auch sie nachgeben.
Wenn alle Hersteller plötzlich mit 50, 70, 90 und 100 Megapixel kommen, musst du mitziehen. Der Markt ist gnadenlos. Die Zahlen belegen das brutal: Der globale Kameramarkt ist von 7,41 Milliarden USD im Jahr 2024 auf voraussichtlich nur noch 2,88 Milliarden USD bis 2034 geschrumpft. Ein jährlicher Rückgang von 9,02 Prozent.
2024 wurden nur noch etwa 1 Million DSLRs verkauft. In den sieben Monaten bis Juli 2025 brachen die Verkäufe um weitere 47 Prozent ein.
Die Industrie befindet sich im freien Fall.
Und ihre Antwort? Noch mehr Features. Noch schnellere Kameras. Noch mehr Megapixel.
Was wir dabei verloren haben
Bei einer DSLR-Kamera schaust du durch das Objektiv. Du siehst das echte Leben. Du schaust dir einen Bildausschnitt an und stellst dir vor, wie das Endergebnis im Foto aussehen kann.
Das regt die Fantasie an. Das regt die Gehirnzellen an. Das braucht mehr eigene Gehirnleistung, was wiederum die eigene Fotografie verbessert, weil du besser übst dabei.
Bei spiegellosen Kameras schaust du in einen Bildschirm. Du siehst die fertige Interpretation einer Kamera statt dem echten Leben.
Ich habe das Gefühl, dass du eine Verbindung zur Außenwelt verlierst, wenn du nicht in ein Objektiv, sondern in einen Bildschirm schaust.
Und gute Fotos leben genau davon, dass du dich ohne Kamera umschaust. Dass du Dinge siehst – Geometrie, Licht, Farben – die andere übersehen. Dass du versuchst, es so abzubilden, dass andere auch das darin sehen können, was du selbst siehst.
Dazu musst du mit der Außenwelt verbunden sein und verbunden bleiben.
Optische Sucher bieten laut Forschung eine direkte Verbindung zur Szene – frei von digitalen Ablenkungen, unbeeinflusst von Einstellungen wie Weißabgleich oder Belichtung. Elektronische Sucher nehmen dich weiter aus der Szene heraus.
Die drei Säulen, die wirklich zählen
Fotografie basiert technisch auf drei Säulen: ISO, Blende, Belichtungszeit.
Das war’s.
Diese drei Werkzeuge ermöglichen es dir, Bilder zu belichten, Szenen einzufangen, zu unter- oder überbelichten und Bewegung darzustellen.
Die Einfachheit dieser drei Elemente gibt dir mehr Möglichkeiten, die Kreativität in dem zu finden, was du siehst, was du abbildest und was du gestaltest. Anstatt dich in technischen Raffinessen, Details, Knöpfen und Bedienelementen zu verlieren.
Da hats “klick” gemacht auf den Lofoten
Ich war mit der Fotoreiserei und Walter Luthenberger auf den Lofoten. Ich hatte eine Filmkamera mit nur einem Objektiv und 20 Filmen dabei. Dazu eine Canon R5 für Videos.
Irgendwann bemerkte ich etwas.
Mit der Canon in der Hand neigte ich dazu, an den Einstellungen herumzuschrauben. Mich in einem Menü zu verlieren. Die Umgebung nicht wahrzunehmen.
Bei der Filmkamera war nichts anderes einzustellen als die Filmauswahl (ISO) und dann Blende-Belichtungszeit. Alles andere zwang mich, mich umzuschauen, hinzuschauen, es in einen Rahmen zu packen mit dem einen Objektiv, das ich hatte.
Dann noch eine einzige Entscheidung: Will ich überbelichten, korrekt belichten oder unterbelichten?
Abdrücken. Fertig.

Die Workshop-Teilnehmer mit ihren digitalen Kameras verbrachten mehr Zeit mit der Kamera und den Einstellungen. Sie fotografierten wesentlich mehr, was ein Vor- und ein Nachteil sein kann.
Ich hatte das Gefühl, ich habe die meiste Zeit einfach nur ohne Kamera mich umgesehen.
Ich war mehr in diesem Moment. Ich war mehr vor Ort.
Ich habe viel weniger in die Kamera geschaut, viel weniger in einen Bildschirm. Ich habe mich zuerst umgesehen. Wenn ich etwas gefunden habe, was ich festhaltenswert fand, dann erst habe ich durch die Kamera geschaut, abgedrückt – und dann war die Kamera wieder weg.
Die Filmkamera hat mich daran erinnert, wie viel Raum fürs Wesentliche bleibt, wenn du dich technisch minimierst.
Die stoische Dimension der Fotografie
Perspektive ist alles im Leben.
Du kannst auf jede Situation aus verschiedenen Perspektiven schauen. Die Fotografie lehrt uns, dass wir ein und dasselbe Motiv aus verschiedenen Perspektiven fotografieren können und sich dadurch das Bild grundsätzlich verändert.
Die Aussage. Die Stimmung. Alles.
Das lässt sich eins zu eins auch übertragen aufs ganze Leben. Du kannst in jeder Situation die Opferrolle einnehmen oder eine andere Perspektive einnehmen. Du kannst eine negative Situation sehen und durch eine Veränderung der Perspektive etwas Positives daran finden.
Die Übung mit der Kamera gibt dir die Klarheit, dass jede Situation unterschiedliche Perspektiven hat, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Ich bin mit einer Krebsdiagnose im Krankenhaus gelegen. Das hatte durchaus Potenzial für Weltuntergangsstimmung. Ich hätte in der Perspektive des Leidenden und des Opfers bleiben können, verhaftet in Angst und negativen Emotionen.
Aber ich habe die Perspektive gewechselt.
Ich wurde durch die Movember-Aktion auf das Thema aufmerksam. Das hat mir quasi das Leben gerettet. Mir war klar: Ich kann jetzt aus dieser Perspektive auch anderen helfen.
Ich bin aus dem Krankenhaus gekommen und habe eine Porträtserie für die Movember-Porträts gestartet. Um Männer darauf aufmerksam zu machen, dass sie hin und wieder mal ihre Gesundheit checken sollten.
Vereinzelte Männer haben mir geschrieben, dass sie wegen meines Hinweises im Krankenhaus gelandet sind und draufgekommen sind, dass sie Hodenkrebs haben. Mein Hinweis hat ihnen geholfen, ihr Leben zu retten.
Spätestens da war mir klar: Das ist tatsächlich genauso wie in der Fotografie.
Durch den Perspektivwechsel habe ich nicht nur anderen geholfen, sondern auch mir selbst geholfen, das Ganze stoischer annehmen zu können.
Sehen lernen, nicht nur belichten
Die technischen Grundlagen zu verstehen gibt dir nur ein Werkzeug in die Hand. Kameras sind ein Werkzeug, um Bilder festzuhalten, eine Emotion zu transportieren, einen Moment festzuhalten.
Um Dinge, die andere übersehen, zu sehen und so festzuhalten, dass sie in anderen Menschen etwas auslösen.
Aber wie trainierst du das Sehen?
Beginne mit sehr einfachen Dingen. Fokussiere dich auf etwas, das du noch nie gesehen hast, in deiner nächsten Umgebung. In einem Umfeld, das du in- und auswendig kennst. Dein Arbeitsweg. Irgendein Weg, den du jeden Tag gehst.
Irgendwas, wo du sagst: Hier kann ich nichts Neues finden. Hier ist es langweilig. Hier gibt es nichts zu fotografieren.
Und dann achte mal aktiv auf ein paar Dinge.
Gehe diesen Weg am Montagmorgen und schaue nur, wie sich das Licht verändert. Suche Geometrien. Suche nach geometrischen Formen in den gewohnten Umfeldern. Du wirst sehen, wie viele Dinge dir auffallen.
Eine sehr gute Übung: Buchstaben finden. Überall, wo du stehst, kannst du durch sich überkreuzende Linien Buchstaben finden. Farbkombinationen. Geometrie.
Fokussiere dich auf eine Sache und versuche eine Zeit lang, das überall zu sehen.
Anfangs ist es extrem schwierig, überhaupt irgendwas zu sehen. Je öfter du das übst, umso mehr wird dir über den Weg laufen, weil dein Fokus darauf liegt.
Neurowissenschaftler sagen über Neuroplastizität: “Neuronen, die zusammen feuern, verdrahten sich zusammen.” Die bewusste Wahl, was du fotografierst, trainiert dein Gehirn buchstäblich, in Zukunft mehr vom Gleichen zu suchen.
Je mehr du deinen Fokus auf etwas lenkst, desto besser wirst du darin.
Leica hat es verstanden
So umstritten diese Marke auch sein mag, Leica ist einer der wenigen Kamerahersteller, die verstanden haben, dass Fotografie eine Art Achtsamkeitspraxis sein kann. Dass du in erster Linie sehen lernen musst, um bessere Fotos zu machen.
Dann brauchst du ein exzellentes Werkzeug, bei dem die wenigen Dinge, die es kann, wirklich großartig gut funktionieren. Großartiges Glas, das exzellente Bilder abbildet. Ein großartiger Sensor. Ein toll verarbeitetes, handgemachtes Produkt.
Leica hat diese Positionierung verstanden. Das hätte ihnen zwischendurch fast das Leben gekostet, genau in dieser Phase, wo die anderen Hersteller alle diesen Wettlauf um digitale Features begonnen haben.
Simplizität und exzellente Ausführung schlagen den Feature-Wettlauf.
Mir ist offen gesagt ein Rätsel, warum kein anderer Hersteller es mal versucht eine ebenso simple Kamera wie die Leica M Serie auf den Markt zu bringen, zu einem erheblich günstigerem Preis (denn das dürfte nicht so schwer sein ;-))
Das richtige Werkzeug für die richtige Anwendung
Wir leben in einer Welt, wo es alles für alle gibt.
Wenn du sehr schnelle Sportarten fotografieren willst, findest du eine Kamera mit extrem vielen Bildern pro Sekunde und superschnellem, genauem Autofokus. Wenn du einen Eisvogel fotografieren willst, der ins Wasser taucht, macht eine bessere Kamera das Leben leichter.
Das schafft mehr Freude. Die Arbeit wird entspannter und schöner.
Aber meistens redest du dir nur ein, dass du dieses eine Feature jetzt vielleicht auch noch brauchen würdest. Dass noch leichter und noch schneller arbeiten besser wäre.
Im Profibereich macht das vielleicht Sinn. Im Hobbybereich kannst du dir den Spaß an diesem Hobby versauen, wenn die Kamera zu gut ist. Wenn der Autofokus zu schnell sitzt.
Ein bisschen was vom Erfolgserlebnis, das du am Ende hast, liegt daran, wie schwierig es war, dieses Ergebnis zu erreichen.
Wenn du das Ergebnis zu leicht erreichst, geht vielleicht auch ein bisschen die Freude über das Ergebnis verloren.
Die eine Frage vor dem Kauf
Bevor du auf “Kaufen” klickst, stelle dir eine Frage:
Brauche ich dieses Feature jetzt, um bessere Fotos zu machen? Oder will ich es nur haben, weil ich mir diese Kamera schön reden will?
Es spricht nichts dagegen, sich eine schöne Kamera schön zu reden und sich die dann auch zu leisten.
Gefährlich ist es nur, wenn du erwartest, dass nur allein wegen dieser Kamera jetzt die ganze Arbeit besser wird.
Dann wirst du höchstwahrscheinlich in ein paar Wochen sehr enttäuscht sein, dass die Ergebnisse nicht von allein besser geworden sind.
Was wirklich zählt
Lerne die Grundlagen, damit dir die Technik nicht im Weg steht. Das Werkzeug sollte so einfach wie möglich zu beherrschen sein.
Nimm eine Kamera, mit der du dich wohlfühlst. Die Sympathiepunkte kriegt. Die du gerne in die Hand nimmst.
Und dann geh raus und lerne sehen.
Lerne die Regeln der Fotografie. Was macht ein gutes Bild aus? Welche geometrischen Regeln gibt es? Was macht Farbe im Bild? Was macht Licht im Bild? Was machen Momente im Bild? Wie kannst du die richtig einfangen?
All diese Dinge sind wesentlich wichtiger als eine großartige Kamera mit tollen Specs.
Die Kameraindustrie hat die Seele der Fotografie verloren, weil sie vergessen hat, worum es wirklich geht.
Du musst diesen Fehler nicht wiederholen.