Wie Instagram die Fotografie zur Wegwerfkunst degradiert hat

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als mir klar wurde, dass etwas fundamental schiefläuft.

Ich scrollte durch Instagram, sah ein Landschaftsfoto – dramatisches Licht, perfekte Komposition und musste nachschauen, von wem es war. Früher hätte ich das sofort erkannt. Jeder Fotograf hatte eine Handschrift. Eine visuelle Signatur, die so unverwechselbar war, wie eine Unterschrift.

Heute sehen alle Landschaftsfotos gleich aus. Alle Portraits gleich. Alle Food-Fotos gleich.

Und das ist kein Zufall.

Als ich noch Fotografen an ihren Bildern erkannte

Es gab eine Zeit, da war Instagram tatsächlich inspirierend. Ich folgte Portrait-Fotografen, die dramatisch mit Licht arbeiteten. Schwarz-Weiß-Fotografen, die noch mit Film arbeiteten. Landschaftsfotografen mit völlig unterschiedlichen Ansätzen.

Die Vielfalt war enorm. Das war inspirierend und der Grund, warum wir in erster Linie auf diese Apps gegangen sind.

Dann begann die schleichende Vereinheitlichung. Die Unterscheidung wurde schwieriger. Immer schwieriger. Bis ich irgendwann feststellte: Die Stile, die keine Massen-Likes bekamen, verschwanden einfach. Mehr und mehr.

Was blieb, war Einheitsbrei.

Die brutale Mathematik hinter der Gleichförmigkeit

Der Mechanismus dahinter ist simpel und brutal logisch zugleich.

Fotografen wollten ursprünglich einfach ihre Arbeit zeigen. Aber dann kamen Likes. Und Algorithmen. Und plötzlich entstanden enorme Unterschiede zwischen dem, was gut ankam und dem, was in der Masse unterging.

Menschen begannen, den Wert ihrer Arbeiten und noch schlimmer – ihren Selbstwert – an Likes festzumachen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die durchschnittliche Engagement-Rate auf Instagram liegt 2025 bei nur noch 0,45% – ein Rückgang von 24,1% im Jahresvergleich. Die ersten drei Sekunden entscheiden darüber, ob jemand weiterschaut oder wegscrollt.

Drei Sekunden für Jahre an Erfahrung.

Drei Sekunden für handwerkliches Können.

Drei Sekunden für künstlerische Vision.

Das fatale Missverständnis: Masse ist nicht Marketing

Hier liegt der Kern des Problems: Kreative haben angefangen, etwas fundamental zu verwechseln.

Sie glauben jetzt, dass das, was die breite Masse mag, gutes Marketing bedeutet. Dass sie das Einverständnis der breiten Masse brauchen, um erfolgreich zu sein.

Das ist falsch.

Wenn du kreative Dienstleistungen anbietest, kann es dir eigentlich egal sein, was die breite Masse mag. Du brauchst eine Nische. Menschen, die genau deine Art von Arbeit brauchen. Eine überschaubare Anzahl pro Jahr reicht völlig aus.

Für beide Seiten ist das befriedigender: Du lieferst genau das, was sie brauchen. Du darfst genau das machen, was du machen willst.

Aber Social Media hat dieses Verständnis zerstört. Dazu kam der kommerzielle Aspekt – Social Media wurde zum Werbeinstrument. Und mit der “Geiz ist geil”-Mentalität mussten plötzlich alle für die breite Masse anbieten, weil alle für billig arbeiten wollten.

Die Zahlen sind erschreckend: 2006 lag das durchschnittliche Lizenzierungseinkommen pro Bild bei Getty bei 280 Dollar. Bis 2017 war dies auf etwa 4 Dollar pro Bild gesunken.

Von 280 Dollar auf 4 Dollar.

Das ist die ökonomische Realität der Demokratisierung.

Wegwerf-Kreativität: Wenn Kunst zur Fast Fashion wird

Was in der Fotografie passiert, passiert überall. In der Musik. Im Film. In allen kreativen Bereichen.

Der Geschmack der breiten Masse diktiert, was angeboten wird. Und dann wird fast nur noch das angeboten, was der breiten Masse gefällt. Keine Variation mehr.

Ich vergleiche das gerne mit Musikalben der 90er Jahre. Damals gab es aus so vielen unterschiedlichen Genres großartige Alben und Bands, die Musikgeschichte geschrieben haben. Im Lauf der letzten 10, 20 Jahre (das deckt sich mit dem Aufkommen von Social Media) wurde alles zu einem einzigen Brei.

Und alles wurde zum Wegwerf-Produkt.

Denk an Kleidung: Früher hat man auf eine Jacke gespart. Sie war teuer. Man hat sie 20, 30 Jahre getragen. Wenn der Stoff aufgewetzt war, hat man sie reparieren lassen.

Heute kauft niemand mehr eine Jacke für 1000 Euro und trägt sie 10 Jahre. Man kauft billig und kauft zwei, drei Jahre später die nächste.

Wegwerf-Kreativität.

Täglich werden 2,4 Milliarden Fotografien erstellt. 2,4 Milliarden. Pro Tag.

Wie soll ein einzelnes Bild in dieser Flut noch Bedeutung haben?

Die zweischneidige Demokratisierung

Ich will ehrlich sein: Die Demokratisierung der Fotografie ist natürlich nicht nur negativ. Im Gegenteil, diese Demokratisierung ist das Beste daran.

Jeder kann jetzt fotografieren. Jeder kann seine Bilder zeigen. Das ist großartig.

Aber – und das ist ein großes Aber – die zweite Schneide dieser Entwicklung ist scharf: Alle orientieren sich daran, was sie glauben, dass andere sehen wollen. Anstatt einfach zu sagen: Das ist es, was ich sehe. Das ist es, was ich zeige.

Der Mut dazu fehlt. Weil weniger Reaktionen sich falsch anfühlen.

Wir sind es so gewohnt, den Wert unserer Arbeit an der Anzahl der Reaktionen zu bemessen. Aber das entspricht nicht der Realität. Ein Algorithmus sorgt dafür, dass Inhalte mit weniger Reaktionen noch weniger angezeigt werden.

Ein Teufelskreis.

Der Algorithmus als Geschmacksdiktator

Früher bin ich einfach durchs Internet gegangen und habe interessante Dinge gefunden. Oder sie wurden mir von anderen weitergeschickt, denen sie gefallen haben.

Heute muss ich den Algorithmus trainieren.

Kaum reagiere ich auf eine Sache, bekomme ich von genau dieser Sache mehr gezeigt. Das ist einerseits gut. Andererseits birgt es die Gefahr, dass ich alles andere, was mich vielleicht auch interessieren würde, erst gar nicht zu sehen bekomme.

Die wissenschaftliche Perspektive bestätigt das: Social-Media-Algorithmen haben fotografische Trends von künstlerischen Bewegungen in kommerzielle Waren mit vorhersagbaren Lebenszyklen verwandelt. Teal und Orange. Gelber Regenmantel vor Wasserfall. Rückwärts beleuchtetes Haar. Der Partner führt die Kameraperson an der Hand.

Die Liste ist endlos.

Und mit Presets und Filtern wird die Homogenisierung nur noch schlimmer.

Lösungen: Fotobuch versus Instagram-Feed: Zwei völlig verschiedene Welten

Ich will nicht, dass dieser Artikel nach Jammern klingt. Ich will auch Lösungsansätze zeigen.

Ein Fotobuch und das, was du online siehst, kannst du nicht ansatzweise miteinander vergleichen.

Ein Fotobuch ist kuratiert. Jemand hat sich genau überlegt, welche Fotos in welcher Reihenfolge gezeigt werden. Die Reihenfolge, die Geschichte, das Storytelling – das ist bereits ein wesentliches Element.

Dann kommt die Haptik: Ein Foto auf Papier gedruckt zu sehen und anzugreifen tut etwas ganz anderes, als es auf einem Bildschirm zu sehen, auf dem alle anderen Daten auch einfach in Pixelform erscheinen.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Welten.

Cartier-Bresson sagte mal: Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut. Und da gab es noch gar keine digitale Anzeige.

Ich glaube, dass die meisten Instagram-Fotos weit weniger als eine Sekunde Aufmerksamkeit bekommen.

Wenn ich aber mit einem Fotobuch auf der Couch sitze, mir einen Kaffee mache und in Ruhe durchblättere, bekommt jedes dieser Bilder weit mehr als eine Sekunde. Manche kann ich zwei, drei Minuten lang anschauen und mich darin vertiefen.

In diesen zwei, drei Minuten passiert etwas Wichtiges: Ich kann den Bildaufbau hinterfragen. Mich fragen, warum mich dieses Foto so anspricht. Details anschauen. Eine Geschichte hinter dem Foto erkennen.

Das Bild als solches einfach wirken lassen.

Vielleicht löst das Bild eine Emotion aus, die ich dann in aller Ruhe fertig spüren will.

Eine Emotion fertig spüren.

Das ist gesund. Das ist menschlich. Das ist das, was Kunst tun sollte.

Der Weg zurück zur bewussten Fotografie

Wenn du Instagram beruflich nutzt ist klar, dass du in deiner Nische evtl. Dinge zeigen mußt, die deine Zielgruppe möchte und nicht wahllos deinen eigenen Bedürfnissen freien Lauf lassen kannst.

Ich habe dafür einen zweiten Instagram Account. Anonym, ohne meinem Namen. Damit niemand meiner Follower ihn gezielt finden kann. (Und nein, ich werde ihn auch nicht verlinken, sorry ,-)

Warum mache ich das?

Dieser zweite Account hat sehr wenige Abonnenten. Ich poste dort extrem unregelmäßig. Nur Fotos, die ich unterwegs in meinem täglichen Leben mache.

Völlig anderer Stil als meine Fotos sonst. Und es ist mit nicht nur egal, wenn dort wenige Reaktionen kommen, es ist mir sogar recht.

Weil ich nicht in die Gefahr geraten will dort irgendwas zu machen, das ich “für den Algorithmus” poste. Mir ist lieber es ist nur eine kleine Handvoll Menschen, die dort reagiert. Aber die tun das wirklich nur, weil sie in den Fotos etwas sehen. Weil ihnen dieser andere Stil gefällt.

Und für mich ist das ein kreatives Ventil, das keinerlei Regeln von außen unterliegt.

Der Weg zurück zur bewussten Fotografie

Ich bin überzeugt: Nischenthemen werden nie diese riesengroße Menge erreichen. Du wirst nie zigtausende, hunderttausende Abonnenten und Likes auf deine Inhalte haben.

Aber die wenigen, die darauf reagieren, werden umso stärkere Fans. Weil sie etwas gefunden haben, das nicht ständig zu sehen ist. Das nicht so alltäglich ist. Das nicht breite Masse ist.

Mit der Zeit bildet sich eine kleine, aber intensive Fangruppe um das, was du tust.

Das ist vielleicht sogar mehr wert als eine riesengroße Gruppe von Menschen, die Einheitsbrei lieben.

Der erste Schritt: Leg nicht mehr so viel Wert darauf, wie viele Menschen auf das reagieren, was du zeigst. Leg Wert darauf, was du zeigst.

Dann finden sich die richtigen Menschen. Die richtigen für dich. Nicht die breite Masse.

Und vielleicht – vielleicht müssen wir Social Media auch ein bisschen in seiner Wichtigkeit reduzieren. Uns wieder offline in Fotobücher versenken. Den eigenen Geschmack beeinflussen. Aktiv Algorithmen steuern, statt von ihnen gesteuert zu werden.

Es wäre schade, wenn uns die Kunst des Fotobuchs und des Drucks verloren geht, nur weil wir ständig durch irgendwelche Feeds scrollen.

Die Fotografie ist nicht tot. Aber sie braucht wieder Zeit. Aufmerksamkeit. Wertschätzung.

Und den Mut, anders zu sein.

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