230 Portraits in 2 Tagen

Mittlerweile ist der Portraitmarathon bei der Photo & Adventure Messe in Wien und Linz zur Tradition geworden. Zum dritten mal hat Canon Austria mich eingeladen an ihrem Stand Portraits zu fotografieren. Canon stellt A3, A2 und Large Format Drucker zur Verfügung, wir schießen die Portraits direkt in einen Rechner von dem aus die Bilder sofort ausgedruckt und mitgegeben werden. Das ist natürlich in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung.

 

Auf der technischen Seite heißt das natürlich, das Setup so unkompliziert wie möglich zu halten. Klar, wir könnten so richtig “draufhauen” und dort ein massives Lichtsetup mit 5 und mehr Blitzköpfen aufbauen, oder einfach viele verschiedene Lichtsetups zeigen. Das hatten wir im ersten Jahr dieses Experiments auch versucht. Die Wahrheit – wir verbringen damit viel zu viel Zeit beim Umbau, dadurch kommen natürlich auch viel weniger Portraits zustande. Bei der Photokina 2014 in Köln haben wir uns mehr für eine Workshop-Variante entschieden. Dort ist das natürlich ok, es ging ja auch nicht darum, möglichst vielen Menschen ein Portrait von sich selbst mitzugeben, sondern in 15 Minuten ein einfaches Lichtsetup zu erklären, das jederzeit und überall angewendet werden kann.

 

Und auf der psychologischen Seite der Portraitfotografie ist das eine echte Herausforderung. 230 Menschen die man noch nie gesehen hat in 2 Tagen so fotografieren, dass sie sich selbst auf dem Bild gefallen ist sicherlich die größte Herausforderung die ich damit jährlich auf dem Terminkalender stehen habe.

 

Bestof-230-Portraits

 

Die Technik / Das Setup

 

Wie gesagt, technisch so einfach und effektiv wie Möglich war das Ziel. Da kommt mir mein aktueller Lieblingslichtformer – der Beatuydish – sehr gelegen. Man kann ihn  mit Wabe oder ohne Wabe verwenden, er gibt sehr weiches und doch kontrastreiches/starkes Licht, er ist nicht allzu groß und nimmt nicht viel Platz weg … viele Vorteile für so ein Projekt. Mit Wabe werden die Kontraste stärker, die Lichtkanten etwas härter, während er ohne Wabe überraschend weiches Licht für so eine kleine Lichtquelle gibt. (Wie wir im Shootcamp ja auch lernen – kleine Quelle – hartes Licht, große Lichtquelle – weiches Licht)

 

Die Wabe gibt mir auch mehr Möglichkeiten im Hintergrund einen Verlauf zu zeichnen, das macht widerum den Hintergrund manchmal etwas interessanter. Apropos Hintergrund, der Hintergrund war diesmal Mittelgrau. Normalerweise verwende ich einen weissen Hintergrund, weil ich damit von Weiß über alle Grautöne bis Schwarz jeden Hintergrund selbst gestalten kann, indem ich einfach das Licht näher oder weiter weg stelle. Heuer war weiß nicht dabei, also haben wir gleich grau verwendet. Funktioniert auch ;)

 

Lightsetup_Phot_Adventure

 

Die Kamera – Auch dieses Jahr haben wir die Fotos wieder mit der 5DmkIII und dem 85/1.2 gemacht. Eine traumhafte Kombi. Warum nicht mit der 5Dsr? Weil Megapixel uns hier nicht weitergebracht hätten, ganz im Gegenteil. Alle Fotos sind als RAW & JPG fotografiert, die JPGs wurden direkt in der Kamera in Schwarz/Weiß konvertiert und über Wlan zur Druckerstation geschickt. Alles andere wäre in dieser Zeit nicht wirklich machbar gewesen, für Bearbeitungen aller Art ist bei sowas keine Zeit. Die Bilder wurden dann auf 4 Canon A3 Druckern ausgedruckt (Pro-1, Pro-10s, Pro-100s). Zwischendurch wurden einzelne Portraits auch auf dem Large Format bis zu A0 gedruckt. Das braucht aber etwas Geduld ;)

 

Die psychologische Seite

 

Die wirkliche Herausforderung bei diesem jährlichen Termin ist für mich aber nicht die Technik, sondern die Arbeit mit so vielen Menschen in so kurzer Zeit. Normalerweise, wenn jemand zu mir ins Studio kommt und von mir portraitiert wird, dann wird zuerst mal Kaffee, Tee usw getrunken, wir plaudern ein wenig, lernen uns ein wenig kennen und haben die Möglichkeit uns ein wenig anzunähern. Das halte ich für einen wesentlichen Bestandteil in der Portraitfotografie. Vielen Menschen ist es sehr unangenehm vor so einer Kamera zu stehn, inmitten von Licht und Technik. Die sind schon verunsichert und dann donnern wir auch noch mit Blitz und Kamera auf sie ein. Nur wenn man einen persönelich Bezug aufbaut und ihnen hilft, die Kamera zu vergessen, hat man eine Chance ein ehrliches, authentisches Foto zu machen. Wenn mir mein Gegenüber sein wahres Ich nicht zumindest für einen Bruchteil einer Sekunde zeigt, weil er sich hinter einem schüchternen, verkrampften Gesicht versteckt, wird das Foto auch dementsprechend aussehen.

 

Die Zeit, die ich mir üblicherweise dafür nehme, bleibt mir dort natürlich nicht. Also muss alles sehr komprimiert und kurz geschehen. Der erste, vielleicht wichtigste Punkt, der mir an diesen 2 Tagen wieder sehr intensiv aufgefallen ist – bevor sich jemand vor meine Kamera stellt, schüttle ich ihm zumindest die Hand. Das klingt jetzt selbstverständlich, ist es aber anscheinend nicht für alle. Ich sehe einerseits Fotografen, die so auf ihre Technik konzentriert sind, dass sie wohl einfach vergessen, dass sie hier in erster Linie mit Menschen arbeiten. Und auch bei den Besuchern ist mir aufgefallen, dass jeder Zweite einfach an mir vorbeigehen und sich gleich brav zum Licht stellen wollte. Ein Händedruck und eine kurze Vorstellung (auch wenn ich weiß, dass ich mir Namen sowieso schwer merke, schon garnicht 230 an 2 Tagen ;) kann schon helfen. Der Händedruck mit dem wir uns begrüßen hat ja eine sehr sinnvolle Geschichte. Jemandem die Hand reichen heißt – ich will dir nichts böses, ich zeige dir meine offene Handfläche, reiche dir die Hand, bin dir wohlgesonnen. Das mag für manchen komisch klingen, aber psychologisch betrachtet ist das noch immer so. Außerdem stellt man sich dabei kurz vor und schaut sich zumindest für ein paar Sekunden in die Augen, kann sein Gegenüber anlächeln und bekommt zu 100% ein kleines Lächeln zurück. Allein das hilft schon enorm für die Portaits.

 

In einem Lächeln liegt viel Charakter eines Menschen. In dieser einen Sekunde kann man förmlich auslesen, ob der Mensch grad eher nervös, schüchtern oder verunsichert ist und noch vieles mehr. Das braucht Übung und vor allem Interesse an Menschen, aber du wirst sehen, aus einem Lächeln schaut so viel mehr heraus als nur strahlende Zähne. In diesem Moment entscheide ich meistens, was ich mit meinem Gegenüber mache. Eher ein lachendes, fröhliches, helles Portrait, oder ist er/sie unsicher, lasse ich ihn/sie lieber von mir und der Kamera wegschauen und mache ein Profil. Oder gefällt mir das Profil einfach sehr gut und ich möchte deswegen eher ein seitliches Portrait … Verwende ich den Beautydish von oben und einen Reflektor darunter um ein sehr helles, voll ausgeleuchtetes Portrait zu machen …

 

Wie man Menschen vor der Kamera locker kriegt, wie man sich in sie einfühlt und auch möglichst schnell herausfindet, welchen Typen man wie genau fotografiert, zeige ich im Detail in meinem Workshop “Charakterportrait – Fotografie & Psychologie“. Ich halte diesen Teil für den Wichtigsten in der Portraitfotografie, der auch viel Übung und sicherlich einige Jahre Erfahrung braucht. Ich bin selbst noch am lernen und werde damit bestimmt nicht aufhören. Wenn man auf diesem Gebiet aufhört dazuzulernen, sollte man die Portraitfotografie vermutlich bleiben lassen. Jedenfalls hab ich mir das für mich so vorgenommen.

Wenn du alles über die Arbeit mit Blitzen lernen willst, habe ich dafür im Shootcamp einen eigenen Kurs gemacht, das “große Blitzen 1×1“.

Wie arbeitest du mit Menschen vor der Kamera? Was sind deine Do´s und Don´ts? Teile sie mit uns allen in den Kommentaren!

 

18 Responses to “230 Portraits in 2 Tagen

  1. Justyna

    Lieber Christian,

    ich habe deinen Blog sehr aufmerksam gelesen und stimme in allen Punkten zur Portraitfotografie mti dir überein :) Ich persönlich bin sogenannte “freie Fotografin/Hobbyfotografin” und beschäftige mich auch gerne mit Videos & Videobearbeitung. Der psychologische Aspekt der Portraitfotografie ist ein ganz essentieller! Ich habe letztes Jahr spontan und rein zufällig für eine befreundete Ausstellerin auf der Jobmesse für Frauen Bewerbungsfotos in ihrem “Bewerbungscorner” gemacht und dabei natürlich Personen fotografiert, die ich überhaupt nicht kannte. Die Info, dass es da eine Fotografin auf der Messe gibt, die Bewerbungsfotos/Portraitfotos schießt hat sich sehr schnell herumgesprochen und prompt bildete sich eine lange Schlange. Sehr viele der Frauen waren überglücklich über diese Aktion und manche waren sehr frech. Ich persönlich finde solche Momente, vom psychologischen Aspekt her, sehr interessant und ich habe generell nie Probleme fremde Menschen kennenzulernen. Das ist der Teil den ich sehr liebe als Fotografin. So wie du geschrieben hast, wenn ich meine Outdoorshootings mit fremden “Kunden” plane, treffe ich mich sehr gerne vorher um sich etwas kennenzulernen und die Vorlieben meines Gegenübers zu erfahren – um das gewünschte Ziel des Shootings in Erfahrung zu bringen ;) Um noch ein Mal auf die Messe letzten Jahres zurückzukommen, es war sehr anstrengend, denn du musst natürlich viel Reden und demjenigen Zeit geben sich anzupassen und der Person natürlich das Gefühl geben nur für sie da zu sein, auch wenn hinter dir ca 30 Personen warten^^ Aber ich spiele demjenigen NIE etwas vor – ich liebe die Portraifotografie und all das, was es mit sich bringt. Punkt. Oft entstehen dabei interessante Gespräche mit interessanten Menschen und wenn nicht sogar weitere, zukünftige Aufträge. Reger Austausch ist wichtig und ich würde jedem Fotografen empfehlen sich Zeit zu nehmen und seinen Gegenüber kennenzulernen ;)
    Liebe Grüße Justyna
    ——–
    http://www.facebook.com/ziarkophotography
    http://www.instagram.com/ziarkophotography
    http://www.linkedin.com/in/justynaziarko

    Antworten
  2. Justyna Ziarko

    Tolle Fotos :) Habe auch direkt einen Erfahrungsbericht auf deinem Blog hinterlassen, sehr cooler Blogbeitrag und ja du hast definitiv mit allem Recht ;)

    Antworten
  3. Bianca Buerger

    Danke für Deine ausführliche Erläuterung…als Shootcamperin sag ich: Wie immer super, Christian :-)

    Ich habe für einen Verein Spielerportraits geschossen und etliche haben mir gesagt: “Bianca, ich bin doch gar nicht fotogen” und zogen ein deprimiertes Gesicht. Was tun? Ich hab ihnen erstmal Komplimente gemacht und sie dann direkt vor dem Fotografieren gebeten, einmal so richtig tief durchzuatmen…das hab ich mit ihnen zusammen gemacht und dann waren sie locker und lächelten sogar in die Kamera :-)
    Mein Tipp…nicht nur der Handshake macht’s, sondern auch eine Mini-Atemübung…auf denjenigen vor der Kamera eingehen ist sehr wichtig.

    Liebe Grüße aus Berlin

    Antworten
  4. Christian Biemann

    Coole Sache, lässige Portraits!
    Eigentlich zum in den Hintern beißen, dass ich am Sonntag nicht bei dir vorbeigeschaut hab… ja ich weiß wirklich nicht warum? ;-)
    Ich find es auch immer recht toll, wenn man sich vor dem Fotografieren mal in guter Atmosphäre austauschen bzw. kennenlernen kann.
    Ich für meinen Geschmack finde immer mehr Gefallen an den Fotos, wo man einfach sieht, dass die Chemie gepasst hat!
    liebe Grüße, Christian

    Antworten
  5. Peter Bauer

    Super coole Erfahrung dich auch mal persönlich in Echt kennen zu lernen! Vielen Dank für das schöne Bild!

    Antworten

Kommentieren