Von der Fotografie leben | Christian Anderl

Von der Fotografie leben

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Frage:
Mein langfristiges Ziel wäre professionelle Fotografie, nachdem das Gewerbe jetzt ein freies geworden ist, steht dem zumindest mal theoretisch nichts mehr im Weg. Allerdings frag ich mich, wie und ob man davon heutzutage noch leben kann, wo doch jeder der eine Spiegelreflexkamera besitzt schon sagt “ich bin Fotograf”.

Ich möchte die Antwort mal mit einem Spruch eröffnen. Wo ich herkomme sagt man “Zu Tode gefürchtet, is auch gestorben“. Der trifft das glaub ich ganz gut. Man kann sich natürlich Tage, Wochen, ja für immer die Frage stellen, ob man von Fotografie leben kann und es so schön vermeiden, sich reinzustürzen und von seiner Leidenschaft zu leben. Aber das einzige was man damit garantiert erreichen wird, ist sich immer die Frage stellen zu müssen “hätt ichs vielleicht geschafft”. Wenn man es wirklich will, dann schafft man das auch.

Du hast schon recht, “ich bin Fotograf” sagt heutzutage schnell mal jemand. Spätestens seit die digitale Fotografie aufgekommen ist und damit der Irrglaube, jeder könnte allein durch den Kauf einer digitalen Spiegelreflexkamera Fotograf werden, gibts dieses Phänomen. Aber diese Geschichte hat auch eine Fortsetzung. So wie nicht jeder, der sich einen Herd und ein paar gute Töpfe und Messer kauft gleich ein Haubenkoch ist, ist auch nicht jeder Fotograf am Wert und der aktualität seiner Ausrüstung zu messen. Kameras, Objektive, Licht und all das schöne Spielzeug rundherum ist Werkzeug. Das kann ohne Wissen noch rein garnichts. Im Gegenteil, teures Equipment macht es einem nur noch schwieriger, gute Ergebnisse zu erzielen. Mit gutem Equipment muss man umgehen können, sonst hat man sich nur noch teureren Frust gekauft.

Aber selbst wenn man mit dem Zeug mal umgehen kann und die Ergebnisse stimmen, man seinen eigenen Stil entwickelt und wirklich gute Fotos macht, ist noch nicht gesagt, dass man davon auch leben kann. Um von Fotografie leben zu können muss man einiges mehr tun, als nur gute Fotos zu machen. Es ist wie in jedem anderen Business auch, man braucht Ideen, ein Netzwerk, Kontakte, Kunden und sollte sich nach Möglichkeit von der Masse etwas abheben. Kunden kaufen aus meiner Erfahrung nicht nur gute Arbeit und schöne Fotos. Das ist eigentlich nur eine Hälfte. Zur anderen Hälfte kaufen Kunden dich. Das kann man ganz gut an sich selbst testen. Wenn ich 2 Dienstleister in der Kreativbranche zur Auswahl habe und beide liefern offensichtlich schöne Arbeit ab, aber einer davon ist mir sympathisch, den anderen kenne ich nicht, der ist für mich nicht als Mensch greifbar. Zu welchem werde ich dann greifen? Ganz selbstverständlich zu dem, der mir auch als Mensch das Gefühl gibt “mit dir arbeite ich gern an unserem Projekt”.

Dass es tatsächlich viele Fotografen gibt, also nicht nur Menschen die irrtümlich annehmen eine gute Kamera zu besitzen reicht dafür aus, sondern Menschen die das wirklich gut drauf haben seh ich ebenfalls nicht als Problem. Man hört recht oft der Markt wäre “übersättigt” und es gäbe zu viele Fotografen. Dabei vergessen viele aber glaub ich, dass nicht nur die Anzahl der Fotografen gestiegen ist, sondern auch die Bedeutung der Fotografie gewachsen ist. Fotos braucht man mittlerweile so gut wie überall. Jedes Business das in irgend einer Weise einen Onlineauftritt hat (also jedes) braucht auch professionelles Bildmaterial dazu. Mag sein, dass viele zum Start erst mal ihre Fotos selber produzieren, “weil das heute eh jeder kann”, aber die meisten kommen relativ rasch drauf, dass Bildsprache heutzutage ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtauftritts ist und engagieren dann jemanden, der ihr Projekt wirklich gut darstellt. Auch die Dumpingpreise machen mir weniger Angst. Jemand der der Überzeugung ist “das kann ja nix kosten heutzutage”, wird sowieso nie bereit sein die Marktüblichen Preise zu bezahlen und wird somit nie ein Kunde werden. Egal wie das Angebot und die Preise aussehen. Wer selbst Qualität in seinem Business bietet weiß hingegen, dass Qualität mit Aufwand und damit auch mit Kosten verbunden ist und wird da nicht am falschen Ort sparen. Und wenn etwas so sicher wie das berühmte “Amen im Gebet” ist, dann dass Preisdumper nicht länger als 3 Jahre in diesem Geschäft überleben werden. Fotografie kostet Geld und zwar nicht wenig. Wer nicht anständig kalkuliert und Kunden die mit Entsetzen auf die Angebote reagieren auch dementsprechend aufklärt dass und warum ihre Preisvorstellung (die sie von einem Freund dessen Neffe eine Kamera hat mal gehört haben) nicht realistisch ist, der wird das nicht lang überleben.

Wichtig ist heute sicherlich nicht einfach nur “Fotograf” zu sein. Sondern der Typ mit den Ideen, dieser eine, zu dem man geht, wenn man etwas ganz bestimmtes so gut wie möglich umgesetzt haben möchte. Finde raus, was diese eine Sache ist, die du wirklich gern machst, perfektioniere sie so gut du kannst und du wirst sehen, Menschen schicken andere Menschen zu dir mit den Worten “wenn du wirklich lustige Portraits brauchst (nur ein Beispiel) dann gehst du am besten zu xy”… Sei kein Fotograf, sondern sei ein Gestalter. Sorge dafür, dass dich nicht jemand beauftragt ein Foto das er dir vorgibt zu kopieren oder nachzubauen, sondern dass dein Auftraggeber zu dir kommt und von dir möchte, dass du einfach tust, was du am besten kannst, nur eben für ihn. Dass du Ideen und Gestaltung miteinbringst. Über den Tellerrand schauen und alles wird gut 😉

Kurz – es gehört bestimmt eine Menge dazu von Fotografie leben zu können und es gibt bestimmt leichtere Jobs die man sich überlegen kann. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir Menschen bei meinen freien Projekten wie den Movember Portraits, Dogue oder auch zur Zeit Shootcamp.at sagen “Boah, das is aber schon a Haufen Arbeit für kein Geld!“. Klar, Selbstständigkeit bedeutet immer auch Arbeit, für die kein Geld zu sehen ist. Aber eine Selbstständigkeit ist ein Gesamtprodukt aus Kundenarbeit und eigenem Investment. Wenn man das nicht bereit ist zu tun, dann wirds wohl schwer. Daheim sitzen und auf Aufträge warten haut in keinem Geschäft als Selbstständiger hin. Aber wenn man es wirklich will, Ideen hat und seinen Hintern hochkriegt, keinen 9-17 Uhr Job von Montag bis Freitag erwartet und bereit ist ein paar harte Jahre in kauf zu nehmen, dann kann man absolut von Fotografie leben. Außerdem, wenn ich das kann, warum nicht auch du ,-)

  • Amen, dem kann ich nur beipflichten Christian. 😉

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