Belichtungsmesser: Sinn und Unsinn eines Werkzeugs | Christian Anderl

Belichtungsmesser: Sinn und Unsinn eines Werkzeugs

Tut mir leid, wenn ich das mal sagen muss, aber leider gibt es unter uns Fotografen mehr Klugscheisser, als in den meisten anderen Branchen zusammen (jedenfalls kommt mir das manchmal so vor). Deshalb sollte man nur einen Fehler nicht machen – weder ein “du kannst doch nicht ohne Belichtungsmesser arbeiten! -”, noch ein “wer arbeitet denn bitte noch mit Belichtungsmesser?” – Fanatiker werden. Es reicht, dass die politische Landschaft in Österreich so eigenartig funktioniert, die Belichtungsmesser-Frage hat einfach keine derart radikal-einfache Antwort. Wie sehr viele Fragen in der Fotografie. Dementsprechend fällt meine Antwort dazu etwas ausführlicher aus:

Dass die Frage so oft zu hören ist, ist nicht weiter verwunderlich. Man könnte meinen, wir haben doch Alle einen kleinen Bildschirm an unseren Kameras, können jederzeit kontrollieren was wir fotografieren, wozu also noch einen Belichtungsmesser verwenden? Natürlich muss man heutzutage keinen mehr haben, schon garnicht muss man ihn verwenden. Was aber absolut nicht heißt, dass es nicht doch Sinn machen kann, mit Belichtungsmesser zu arbeiten. Du wirst dich – spätestens wenn du mit Belichtungsmesser gearbeitet hast – wundern, wie sehr der LCD deiner Kamera manchmal lügt.

Für den Anfang würd ich schon allein aus Kostengründen auf den Belichtungsmesser verzichten. Für einen guten Belichtungsmesser legt man gut 3-400,- € ab, die kann man zu Beginn anderwärtig sicherlich besser einsetzen. Langfristig macht diese Anschaffung allerdings sehr viel Sinn.

Inzwischen gibt es auch leistbare Alternativen wie zum Beispiel den Lumu Light Meter den du einfach auf dein iPhone steckst, oder noch günstiger den Luxi. Zu diesen Belichtungsmessern werd ich mal einen eigenen, ausführlichen Artikel mit Tests schreiben.

Um zu verstehen was ein Belichtungsmesser macht und vor allem wie er es anders macht als die Kamera, schaun wir uns erst mal die Messmethoden an:

Lichtmessung vs. Objektmessung

Hier findet sich das erste echte Argument für den Belichtungsmesser. Unsere Kameras führen eine sogenannte “Objektmessung” durch. Das heißt der Belichtungsmesser in der Kamera mißt das von einem Objekt reflektierte Licht. Dabei nimmt die Kamera an, dass jedes Objekt 18% des einfallenden Lichts reflektiert. (Woher die 18% kommen weiß ich auch nicht, das haben sich klügere Menschen ausgedacht. Es funktioniert jedenfalls). Deshalb nimmt man bei der Belichtungsmessung durch die Kamera auch oft Graukarten (mit – Überraschung – 18% Grau) zu Hilfe.

So gut die Belichtungsmesser in der Kamera auch mittlerweile sind, das kann natürlich nur bedingt funktionieren. Ein weißes Objekt reflektiert genausowenig 18% wie ein schwarzes Objekt. Ein grünes, blaues, gelbes und rotes Objekt werden ebenfalls jeweils eine andere Lichtmenge reflektieren. Deswegen gibts auch die Belichtungskorrektur in der Kamera, mit der man – je nach fotografiertem Objekt – in drittel Stufen nach oben oder unten korrigieren kann. Ist ein großer Teil des Bildes sehr hell, wird Überbelichtung nötig sein um die Kamera daran an einer Unterbelichtung zu hindern. Besonders viel Schwarz im Bild hingegen verleitet die Kamera mit der Belichtung hoch zu gehen, also wird mit der Belichtungskorrektur unterbelichtet.

Mit der Zeit versteht man immer besser wie die eigene Kamera “sieht” und wird mit den Belichtungskorrekturen recht schnell und genau. Für Reportagefotografie und überall dort, wo´s sehr schnell gehn muss, die einzig machbare Lösung.

Die Aufgabe des Fotografen ist also demnach möglichst gut zu “lesen” ob das insgesamt im Bild reflektierte Licht über oder unter 18% beträgt und dementsprechendh die Belichtung zu korrigieren. Exakte Belichtungskorrekturen sind dann eine Sache für die Bearbeitung.

Mit einem Belichtungsmesser sieht die Sache dagegen erheblich einfacher aus. Und die Belichtungskorrektur in der Bearbeitung fällt weg, bzw wird erheblich einfacher. Der Belichtungsmesser mißt nicht die reflektierte Lichtmenge, sondern die auf das Objekt einfallende Lichtmenge. Dabei ist vollkommen egal welche Farbe das Objekt hat, ob es weiß oder schwarz ist, glänzend oder matt. Einmal den Belichtungsmesser vor das Objekt / Model halten und schon steht da Belichtungszeit oder Blende. Und die sitzt mit Sicherheit.

Der Unterschied wird schnell klar sobald du die Fotos in Lightroom (oder eure bevorzugte Bearbeitungssoftware) importiert hast. Vergleiche dann mal, wie die Belichtung auf deinem (kalibriertem) Bildschrim aussieht und im Vergleich dazu auf dem Kamera LCD. Der Unterschied kann beträchtlich sein. Mit Belichtungsmesser sitzt das Bild und du hast eine erheblich einfachere Ausgangssituation bei der Bearbeitung.

Das heißt, natürlich nur, sofern der Belichtungsmesser kalibriert ist. Jetzt mal schnell Kaffee runterdrücken, zurücklehnen und auf ein paar langweilig technische Notwendigkeiten einstellen. Die müssen sein, sonst kommt nach dem teuren Kauf der harte Frust und die Frage “warum funktioniert das bei mir nicht ordentlich?!

Belichtungsmesser kalibrieren

Der erste Grund warum wir einen Belichtungsmesser erst kalibrieren müssen, sind die ISO Angaben der verschiedenen Kamerahersteller. Nicht erschrecken, aber ISO 100 bei Canon ist nicht gleich wie ISO 100 bei Nikon ist nicht gleich wie ISO 100 bei Fuju usw… (Ich weiß, das fühlt sich an wie zu erfahren dass es den Osterhasen garnicht gibt) Jeder Hersteller hat da seine eigene Vorstellung von ISO 100. Auch eine Canon EOS 7D und eine Canon EOS 5DmkII sind (minimal aber doch) unterschiedlich. Die ISO (International Standards Organisation) erlaubt bis zu 1/3 Blendenstufe Schwankungen bei den ISO Angaben.

Schockiert? Es kommt noch dicker – Auch die Blendenangaben auf den Objektiven sind nicht so exakt wie wir oft vermuten. Ein 24-70/2.8 versteht unter Blende 4 unter Umständen etwas Anderes als ein 70-200/2.8. Unter meinen Linsen scheint z.b. das 70-200/2.8 am meisten “daneben” zu liegen. Nein, wir werden jetzt nicht über die Hersteller jammern, schon garnicht darüber diskutieren welcher Hersteller die wenigsten Abweichungen hat, stattdessen nehmen wir das – genauso wie den Umstand dass wir unser gesamtes Equipment mindestens ein mal einschicken sollten um auf allen Optiken einen exakten Fokus zu haben – als FAKT. So funktioniert unser Werkzeug nun mal und anstatt nächtelang in diversen Internetforen nach DER perfekten Linse und DEM perfekten Body zu suchen (was ohnehin nie funktionieren wird) machen wir uns daran das Problem zu lösen!

Zuerst am Besten den Body verwenden mit dem ihr am meisten arbeitet. Dazu die Linse die ihr am öftesten verwendet. Wir definieren quasi unser “Standardsetup”, das die Basis für alle weiteren Kalibrierungen sein wird.

Zuerst mache ich damit ein “durchschnittlich” ausgeleuchtetes Bild und verwende dazu den Belichtungsmesser. Angenommen dieser gibt f4 bei 1/250 und ISO 400 vor. (zu weit offene Blende von 2.8 oder ähnlich würd ich hier nicht empfehlen. Besser irgendwo zwischen 4.0 und 8.0, dann kann die Objektivvignettierung die bei offenen Blenden oft reinpfuscht nicht so viel anrichten) Dann mache ich vom selben Bild (am Besten mit Stativ fotografieren) eine ganze Reihe über- und unterbelichteter Fotos. In 1/3 Stufen bis +1 und -1.

Diese Bildserie hole ich mir dann in Lightroom, mit (kalibriertem) Monitor und such mir das Bild aus, das meiner Meinung nach perfekt belichtet ist. Nehmen wir an das wäre das Bild mit 2/3 Überbelichtung. Dann schnapp ich mir Kamerea und Belichtungsmesser und geh eine Stunde in möglichst unterschiedlichen Lichtsituationen damit spazieren. Was immer der Belichtungsmesser mir vorgibt wird in der Kamera um 2/3 Blenden erhöht. In Lightroom dann nochmal der Gegencheck – wenn die +2/3 in allen Bildern, mit verschiedenen Lichtern und Farben, ebenfalls gut funktioniert, dann wird im Menü des Belichtungsmessers +2/3 fixiert. Somit kann ich ab sofort die Werte die der Belichtungsmesser ausgibt 1:1 übernehmen und muss nicht weiter rechnen.

Richtig befürchtet: Und jetzt alle anderen Kameras und Objektive. Auf jedes Objektiv kommt ein kleiner Aufkleber (harte Jungs ritzen den Wert auch einfach ein) z.b. +1/3. Somit ist bei der Arbeit klar – für diese Linse muss ich meinen Belichtungsmesser um +1/3 Blende korrigieren.

Wohin mit dem Belichtungsmesser?

Ist die Arbeit getan, stellt sich die nächste Frage auf die es keine eindeutig richtige Antwort gibt: Hält man den Belichtungsmesser jetzt in Richtung Kamera, oder in Richtung Hauptlicht? Ich würde sagen das hängt davon ab wie und welches Licht ihr einsetzt. Wichtig ist nur – für welche Richtung ihr euch auch immer entscheidet – bleibt dabei! Ich neige zb. bei Portraits mit Blitzlicht zu etwas “dramatischerem” Licht, deshalb halte ich meinen Belichtungsmesser in Richtung meines Hauptlichts. Für andere ist evtl. der Belichtungsmesser Richtung Kamera zielführender. Einfach ausprobieren und euren eigenen Weg finden. Und auch hier von niemandem einreden lassen es gäbe DIE Antwort auf diese Frage.

Ja, das ist Alles ganz schön viel Arbeit. Keine lustige, sondern eher langweilige, mühsame Arbeit. Aber auch das ist wieder einer dieser Unterschiede zwischen Profi und Amateur, einer der Gründe warum mir Menschen Geld für meine Arbeit zahlen. Part of the Game, fertig. Findet euch damit ab, macht den Job, bringt es hinter euch, dafür werdet ihr mit einer Ausrüstung belohnt die funktioniert und euch in der Nachbearbeitung der Bilder langfristig viel mehr Nerven und Zeit spart, als ihr für diesen einen Tag Einstellarbeit und Tests aufwendet müßt. Es lohnt sich, garantiert!

Belichtungsmesser Empfehlungen

Sekonic L-308S – €299,-
Super Belichtungsmesser zu sehr gutem Preis. Generell – und ich werde dafür nicht bezahlt – sind Sekonic Belichtungsmesser die wohl empfehlenswertesten auf dem Markt.

Sekonic L-Pro 478DR LiteMaster Pro – € 449,-
Touchscreen, hurra! Kann auch Pocket Wizard Trigger auslösen, verschiedene Profile speichern usw. Großes Kino!

Sekonic L-758D – € 649,-
Für die, die immer das Beste haben müssen 😉

>
Teilen
Teilen
Twittern
Pin
+1